DAGO
Sounds For A Blue Planet

Auf seiner CD “Sounds For A Blue Planet” lädt DAGOBERT BÖHM den Hörer zu einer Rundreise durch die Welt atmosphärischer Ethnobeats ein. Der experimentierfreudige Gitarrist arbeitete bei seinem bis dato aufwendigsten Vorhaben erstmals auch mit Sängern/innen.

 

Nach deinen verschiedenen Solo-CDs (u.a. “Morning Flight”) und Projekten (u.a. String Unit, Acoustic Unit) liegt mit “Sounds For A Blue Planet” deine bisher aufwendigste Produktion vor. Vielleicht kannst du unseren Lesern mal etwas über den Konzeptgedanken erzählen, der hinter dieser Aufnahme steckt?

Es fing ganz harmlos an, als ich mit Steven Toeteberg (u.a. Fury In The Slaughterhouse, Cultured Pearls) eine neue Produktion plante, bei der meine Stücke optimal klingen sollten und die Studiomöglichkeiten voll ausgeschöpft werden sollten mit edlen Sounds, tollen Arrangements usw. Das Ganze führte zu einem recht aufwendigen Projekt, bei dem so ziemlich alle Musiker mitwirkten, mit denen ich in der letzten Zeit zusammengearbeitet habe.

Die eigentlichen Basictracks hast du mit Steven im Colours Studio Hannover und im Ozella Studio Schloss Hamborn eingespielt. Danach ging's über einen Zeitraum von 6 Jahren an die Ausarbeitung der einzelnen Tracks mit zahlreichen Gastmusikern (u.a. Tony Lakatos, Maria Hiort Petersen). Wie ging das konkret von Statten?

Nach der Arbeit an den Basictracks gab es immer wieder Pausen, in denen ich mit anderen Projekten beschäftigt war. Wir haben dann z.B. Offdays einer Acoustic Unit- oder String Unit-Tour genutzt, um in meinem Ozella Studio an der Produktion weiterzuarbeiten. Steven ist mit seinem Studio irgendwann nach Afrika ausgewandert, und dann bin ich mit den Bändern nach Budapest, Rom, Frankfurt usw. gereist, um mit geeigneten Musikern und Freunden die Aufnahmen fertigzustellen.

Du spielst auf den Kompositionen die unterschiedlichsten akustischen und elektrischen Gitarren, eine Sitar und sogar eine Highstrung Gitarre. Was ist eine Highstrung Gitarre bzw. was ist das Besondere an ihrem Klangbild?

Die Highstrung Guitar ist eine “Erfindung” der Studiomusiker in Nashville. Es ist eine normale 6-saitige Akustik- Gitarre, die man mit den Oktavsaiten eines 12-string Satzes bespannt. Das ergibt ein ganz silbriges, helles Klangbild und wird meist im Studio dazu benutzt, eine Gitarre zu doppeln. Ich habe damit z.B. den Gitarrenpart in “Wolakota” gespielt.

Was gab den Ausschlag dafür, die singbaren Instrumentallinien auf einigen Songs teilweise durch den Gesang von richtigen Sängern/innen zu ersetzen/ergänzen?

Das war eine ganz natürliche Entwicklung. Viele meiner Stücke haben, wie du ganz richtig feststellst, Songcharakter. Warum dann nicht auch singen? Ich selbst habe das aus Rücksichtnahme auf mein Publikum irgendwann sein gelassen, aber zu dieser Produktion fanden sich plötzlich jede Menge guter Sänger und Sängerinnen.

Erzähl' doch bitte etwas über die an der Aufnahme beteiligten Vokalisten, insbesondere Maria Hiort Petersen und Soluna Samay, die gerade mal erst 11 Jahre alt ist! Soluna ist auf einer der beiden Vokalbearbeitungen von “Morning Flight” (“I Wish I Was A Seagull”), einer deiner bekanntesten Instrumentalnummern, am Ende der CD zu hören. Ich finde, das gibt der Komposition einen fröhlich-ungezwungenen Charme. Wie siehst du das?

Das stimmt. Tokunbo Akinro hatte den Text dazu geschrieben und ich dachte sofort an Soluna Samay. Mit ihren 11 Jahren hat sie eine tolle Stimme, spielt Bass und Schlagzeug und ist ein richtiges Showtalent. Maria Hiort Petersen lernte ich auf Bornholm kennen. Sie lebte lange Zeit in Brasilien und ist eine phantastische Bossa Nova Sängerin. Ich fragte sie, ob sie meinen Bossa “I do love my life” singen möchte, für den sie dann einen portugiesischen Text schrieb (Nessa Hora Azul). Sie hat auch mit Soluna “I wish I was a seagull” einstudiert und ihr bei den Aufnahmen Tipps gegeben. Als ‘93 meine CD “Morning Flight” raus kam, fragte mich Angua Crash, der damals so 14 oder 15 Jahre alt war (und Carsten Mentzel hieß), wie man das auf der Gitarre spielt. Er hat das Stück über die Jahre immer gespielt und eine tolle Gesangsversion davon gemacht (stay awake).

Gab es während der doch langen Aufnahmedistanz gewisse Momente, an die du dich besonders gerne erinnerst?

Da gab es viele schöne Erlebnisse. Die ersten Wochen mit Steven in Hannover waren unglaublich spannend, als sich die Stücke so langsam entwickelten. Er hat tolle Sounds gezaubert, Flageoletts oder Geräusche meiner Gitarren über diverse Effektgeräte, Röhrenamps aufgenommen, daraus kleine Ausschnitte gesampelt und so für jedes Stück eine tolle Atmosphäre geschaffen. Da haben wir mit viel Zeit experimentiert. Die Aufnahmen in Budapest fanden in einem absoluten Top Studio statt, sehr professionell, alles gut organisiert. Nach Budapest kam ich durch meine “Acoustic Unit” schon öfter. Das war jedes Mal eine tolle Zeit, mit Kornél, Bela und Zoltan. Für die letzten Gesangsaufnahmen fuhr ich mit meinem Studio, das in Teilen transportabel ist, nach Bornholm (mitten in der Ostsee) wo wir die Vocalparts von Maria und Soluna in einem alten Bauernhof aufnahmen. Das lief sehr relaxt und lustig ab (zu hören bei “I wish I was a seagull”). Ich “flog” hinter meinem Mischpult wie eine besoffene Möwe hin und her, um Soluna die Lacher zu entlocken, die dem Stück so eine charmante Note verleihen.

Gibt es auch ein bestimmtes Stück auf der CD, das dir besonders am Herzen liegt?

Das wechselte schon öfter. Jedes war schon mal mein Lieblingsstück. “Marrakesh Sunrise” und “Out of the Jungle” sind momentan meine Favoriten.

Wird es von den Titeln der CD auch Live-Performances geben, obwohl mir klar ist, dass sich so etwas aufgrund der Vielzahl der Musiker wohl nur sehr schwer realisieren lässt?

Das stimmt (leider). Zu jeder meiner CDs gab es bisher eine oder mehrere Tourneen, aber momentan mache ich nur einzelne Gitarren-Solokonzerte (also das genaue Gegenteil dieser aufwendigen Produktion). Ich plane aber an einem neuen Live Konzept.

Hast du sonst noch eine Botschaft an unsere Leser?

Das Gute liegt manchmal etwas versteckt, nicht unbedingt mitten auf der Straße. Ich freue mich total über jeden einzelnen, der sich die Mühe macht und nach dem Besonderen sucht, den Verkäufer im CD Laden nach einer Musik fragt, die er mal spät abends im Radio gehört hat, von einem Interpreten mit so einem komischen Namen, den sonst keiner kennt. Aber die Musik war echt und hat ihn berührt...

Rainer Guérich
CD: Sounds For A Blue Planet (Ozella Music/in-akustik)

 

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