RODACH
Welt der Künstlichkeit

MICHAEL RODACH ist ein Klangmeister der besonderen Art. Seine Musik, für Film, Tanz und Theater konzipiert, wird mit allen möglichen Geräuschkulissen, Stimmen Klangmustern und Beats moduliert. So entstehen beim Hördurchlauf seiner neuen CD “On Air” zwangsläufig die unterschiedlichsten Assoziationen und Empfindungen.

 

inMusic: “On Air” ist deine vierte CD, wobei zwischen deinen Alben ein ziemlich genauer zeitlicher Abstand von 2 Jahren liegt. Benötigst du diese Zeit, um zwischendurch  Geräusche und Klänge aus der Umwelt zu konservieren und diese dann später auf deinen CDs zu verwenden?

Rodach: Zum Teil, obwohl ich Kollegen habe, die in dieser Hinsicht viel verrückter und manischer vorgehen. Dass sich am Anfang der CD die “Smooth Airport Voices” finden, war eher ein Zufall. Ich saß mit meiner Freundin nach dem Urlaub auf dem Flughafen in Mallorca und hatte dieses Super-Stereo-Surround-Bild im Kopf von dieser Halle und diesen süffigen Stimmen, die die Ansagen machen. Tja, und dann holte ich meinen Minidisc-Player aus der Tasche und nahm das Ganze auf. Diese Geräuschkulisse hat auch was von Musik: Es gibt eine Dramaturgie, es gibt Klangfarben und Tonhöhen. Manchmal liegt es natürlich auch im Auge des Betrachters, ob man etwas als Musik empfindet oder als Geräusch. Um diesen Eindruck noch zu verstärken und interessanter zu machen, habe ich auf der CD dann eine Clubatmosphäre um diese Stimmen herum gebaut.

inMusic: Wenn du deinen Minidisc-Player schon im Urlaub dabei hast, müsstest du ihn doch eigentlich immer am Mann haben, oder?

Rodach (lacht): Nee, nee. Das war wirklich Zufall. Ich kann auch abschalten...

inMusic: Konnte man denn auf Mallorca noch andere interessante Sounds aufnehmen?

Rodach (lacht): Größtenteils habe ich Baulärm aufgenommen. Wir haben zwar sehr abseits in einem kleinen Dorf gewohnt, wurden aber trotzdem links und rechts stereophon von Baulärm beschallt. Mittlerweile versuchen sie auf Mallorca wirklich überall Hotels zu bauen, sogar an den unmöglichsten Felsen...

inMusic: Verwendest du für deine Aufnahmen besondere Richtmikrophone?

Rodach: Ich verwende sogenannte OKNs. Das sind Mikros, die du einfach in die Ohren steckst. Das sieht dann aus, als wenn du Walkman hören würdest.

inMusic: Ah ja, die Dinger, mit denen man während der Konzerte illegale Bootlegs mitschneiden kann!

Rodach: Ja, genau. Diese OKNs klingen wirklich extrem gut. Sie liefern gute Bässe, die man dann im Proberaum auch gut verwenden kann...

inMusic: Veränderst du die Geräusche denn später noch mit dem Computer?

Rodach: Zum Teil ja. Beispielsweise auf dem Stück “Uyediana”. Das ist so was wie ein Volkstanz, mit dem die Serben die Bienenkönigin rufen. Und dieses “Uyediana” ist nur ein gecutteter, kleiner Ausschnitt, eine Silbe aus einem Satz. Und dieser Ruf  ist stilbestimmend in diesem Stück. Im Hintergrund hört man auch noch ein paar Vogelstimmen, die immer wieder abreißen. Das klngt zwar künstlich, ist mir aber auch bewusst. Wir leben in einer Welt, in der die Künstlichkeit fast schon wieder Programm ist. In der Clubmusik arbeitet man heutzutage mit Loops, mit Wiederholungen. Früher hatte man versucht, diese Wiederholungen zu verändern. In der Renaissance-Musik hat man beispielsweise den A-Teil wiederholt, aber er musste dann lauter oder leiser klingen usw. Und in den Clubs werden heute diese Wiederholungen (loops) 1:1 übernommen, also ohne jegliche Veränderungen. Man kann die digitalen Klangmuster praktisch ohne Verluste klonen, was natürlich auf den Hörer solcher Clubmusik einen besonderen Reiz ausübt...

Rainer Guérich
CD: On Air (Traumton/Indigo)

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