THE AFRO PHARMA EXPERIENCE
Experience & Clubbing

Mit THE AFRO PHARMA EXPERIENCE erscheint eine CD, die mit clubbigen Sounds, Dub, Breakbeats, Goa und Trance den Bogen nach Westafrika spannt. Zahlreiche Künstler wie Zion Train, Rootsman, Hypnotix, Gabriel Le Mar, Ornah-Mental und Genetic DruGs transportierten die “original Emotions” von den namhaftesten Heilern des Schwarzen Kontinents in ein zeitgemäßes Club-Outfit. Alles weitere zu diesem spannenden Projekt erfuhr inMusic von Genetic DruGs.

 

inMusic: Die Initialzündung zu dem “Afro Pharma”-Konzept kam von dem Schweizer Doktor der Philosophie Jürg von Ins, der rund 10 Jahre lang die westafrikanischen Heilrituale studierte und ausschnittsweise auf Video festhielt?

Genetic Drugs: Ja, genau. Es fing eigentlich vor 2 Jahren an, als ich das Videomaterial von Jürg gesehen hatte und ihn fragte, ob ich das in meiner wöchentlichen Cyberjam-Radiosendung (auf Radio Multikulti SFB 106.8) senden dürfte. Jürg war von der Idee begeistert, und so fing ich damit an, aus den diversen Videosequenzen verschiedene Audiosequenzen herauszuschneiden, um sie on air zu senden. Schließlich hatte ich soviele Sounds zusammen, dass ich daraus zwei Stücke komponierte (“Song For Sidi Niaye”, “Remove”), die auch auf der CD zu hören sind. Daneben gab’s aber mindestens noch 10 weitere Stücke, die ich für meine Radiosendung gemixt hatte.  Just zu dieser Zeit war Prophet Abbam, einer der Protagonisten der afrikanischen Heilbewegung,  hier in Berlin. Ich spielte ihm meine Mixe vor, worauf Prophet sprachlos vor Begeisterung mir um den Hals fiel. Er empfand meine Musik als wunderbares Geschenk...

inMusic: Was ist Prophet Abbam eigentlich für ein Typ? Wie würdest du ihn charakterisieren?

Genetic Drugs: Er ist ein christlicher Heiler aus Ghana, nebenbei bemerkt auch ein großartiger Performer. Er hat dort eine Art Pfingstgemeinde  gegründet, wo laut Bibel die Erleuchtung passiert bzw. die bösen Geister ausfahren und die guten Geister in die Menschen einkehren. Die Kirche betreut dort ein Gelände, wo etwa 200 Menschen wohnen, die normalerweise bei uns in der psychiatrischen Klinik landen würden. Da es in Ghana aber keine “Irrenanstalten” im herkömmlichen Sinne gibt, versucht Abbam diese Patienten mit Hilfe der Bibel bzw. Exorzismus zu heilen.

inMusic: Hatte er denn schon in verschiedenen Fällen mit dieser “Therapie” Erfolg?

Genetic Drugs: Ja, klar. Seine Veranstaltungen macht er dort mit großer Routine und Regelmäßigkeit. Die Messen laufen praktisch immer nach dem gleichen Schema ab: Abbam predigt und schreit solange rum, bis die Leute mittels zusätzlicher Percussion und Trommeln so lange tanzen, bis sie in Trance fallen. Rein optisch sind diese Events sehr eindrucksvoll: Abbam trägt ein weißes Priestergewand, eine blaue Schärpe mit dem Aufdruck “Prophet” und hat zusätzlich noch eine Sonnenbrille auf. Tja, und dann geht’s mit Mikrofon und voll aufgedrehtem Verstärker voll zur Sache... (lacht) Er ist gewissermaßen ein “James Brown im Dschungel”. Abbam ist 34 Jahre alt und macht diesen Job seit er 16 ist...

inMusic: Was gab’s denn sonst noch für Charaktere von Heilern auf den Videobändern zu sehen?

Genetic Drugs: Diese Heiler sind von Land zu Land in Westafrika verschieden. Im Senegal gibt es eine Zeremonie, die N’Depp heißt. Dies ist eine Form von Sound-Heilen, bei der der Patient in der Mitte sitzt und von etwa 10 Trommlern umgeben ist. Und die hämmern dann solange auf den Dingern rum, bis die Person in der Mitte anfängt durchzudrehen.   Diese Sounds habe ich in meinem Mix “Song For Sidi Niaye” verarbeitet, wobei sich der Patient bei mir fast so anhört, als würde er eine Gesangsmelodie singen. Dieser Typ ist ein Arbeiter vom Flughafen Dakkar im Senegal, der Probleme mit dem Clash zwischen Tradition und Moderne hat. Dann gibt es aus dem Benin die ganzen Voodoo-Heiler, deren Background auf Familientraditionen beruht. Hier in diesem speziellen Fall ist es der Magic Doctor, ein Kräuterheiler, der während des Rituals auch sein Muschel-Orakel befragt und dadurch feststellen kann, was dir fehlt. Als Medikament gibt er dann seinen Patienten heroinartige Briefchen mit weißem Pulver, die er vorher mit seiner Zunge berührt, aber auch selber nimmt.

inMusic: Soundmäßig gibt dieser Magic Doctor aber doch wohl nicht soviel her. Schließlich gibt es bei diesem Ritual keine Trommeln o.ä. zu hören?

Genetic Drugs: Ja, da ging es nur um diese rituelle Stimme, die HUMAN ART ENGINE in ihrem Mix “Yovo Lab” verarbeitet haben...

inMusic: Kannst du denn die Zahl der Heiler beziffern, die auf den 18 Tracks der “Afro Pharma Experience” zu hören sind?

Genetic Drugs: Das ist ziemlich schwer zu sagen. Vielleicht 6 oder 7. Es waren auf den Bändern ja auch noch andere Gesänge drauf, Percussions und Atmos von größeren Veranstaltungen.

inMusic: Aber man kann schon sagen, dass der kulturelle Schwerpunkt auf Ghana, Senegal und Benin liegt?

Genetic Drugs: Ja, da wird die Hauptforschungsarbeit geleistet. In Ghana ist auch der Sitz der Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Adressen der Heiler zu sammeln. Uns war es bei diesem “Afro Pharma Experience”-Projekt einfach wichtig, diese Sounds Leuten zugänglich zu machen, die sich sonst mit so etwas überhaupt nicht beschäftigen würden. Gerade weil es sich um authentisches Material handelt. Original emotions - da wurde nichts speziell im Studio produziert!

inMusic: Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte der CD. Du hattest Ende 2001 eine Sampling-CD “Afro Pharma” (ebenfalls auf African Dance Records) konzipiert, von der sich dann alle möglichen Künstler, Projekte & DJs bedienen durften, um so ihre eigenen Mixe zu kreieren...

Genetic Drugs: Genauso war es. Wir haben dieses Vorhaben natürlich auch über diverse Printmedien und Radio Multikulti promotet und konnten schließlich aus insgesamt 100 Klangbeiträgen auswählen...

inMusic: Wie erfolgte denn der Ausleseprozess?

Genetic Drugs: Eine Jury, zu der ich natürlich auch zählte, vergab für jeden Track Punkte, so dass die Auswahl sich dann von selbst ergab.

inMusic: Und gab es einen besonderen Jury-Liebling?

Genetic Drugs: Ja, das ist das zweite Stück der CD, “Afroriental” von ComaCandy...

Rainer Guérich
CD: The Afro Pharma Experience (African Dance Records/Nova Media)

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