STEVE HACKETT
Unterwegs an romantischen Plätzen

Ein neues Album von STEVE HACKETT ist immer eine Wundertüte: Man weiß nie genau, was einen erwartet. So ist auch das neue Werk wieder ein Füllhorn an progressiven Ideen, ein stetiger Wechsel aus lauten und leisen Tönen, eine Mischung aus bombastischem Rock, Folk, Jazz und Klassik. Ein Album mit Langzeit-Effekt und Kopfhörer-Empfehlung. Und der Mann, der mit Genesis und GTR Rock-Geschichte geschrieben hat, nahm sich alle Zeit, uns in Ruhe in seine Welt einzuführen.

 

inMusic: Wie würdest du das neue Album beschreiben?

Steve: Ich hatte eine tolle Zeit, es aufzunehmen, also kann ich nicht unleidenschaftlich sein, ich kann es nicht objektiv sehen. Als ich es fertig hatte, habe ich so viele Dinge darin gesehen. Ich bin wirklich zufrieden. Ich habe es genossen, wieder in einem Team zu arbeiten, und viele der Songs sind in einem Stück geschrieben worden. Während der Arbeiten daran habe ich anderen Leuten wenig vorgespielt, habe meine Kreativität fließen lassen und lieber am Ende das ganze Produkt präsentiert. Das passiert manchmal. In den 70ern haben wir viel so gearbeitet. Da haben sich die Plattenfirmen auch noch nicht so eingemischt. Man hat sein Album geschrieben, es abgeliefert, und es wurde veröffentlicht. So wie es war. Damals hatte man noch Kontrolle über seine Arbeit. Aber irgendwann fingen die Plattenfirmen an, von Singles besessen zu sein – und vielen anderen Dingen, die nichts mit Musik zu tun haben. Irgendwann habe ich fest gestellt, dass, wenn ich die Heiligkeit des Musik Machens bewahren wollte, ich meine eigene Plattenfirma gründen müsste. Ich musste ein anderes System aufbauen – eigene Plattenfirma, eigenes Studio, eigener Vertrieb, nur so kann man sein fertiges Produkt anbieten. Singles sind ein Luxus, keine Notwendigkeit. Wenn das Schicksal sich einer meiner Songs annimmt, und Spielberg ihn für seinen nächsten Film haben will, fein. Aber wenn nicht, dann geht die Welt nicht unter! Also was kann ich zum neuen Album sagen? Es ist ein Teil von dem Ganzen, das ich mache. Ich kümmere mich nicht darum, was die Leute davon halten, oder was sie von mir erwarten. Ich versuche nur immer, die Meinung der Leute zu ändern, was sie von mir erwarten sollten, denn jedes Album ist anders.

inMusic: Es gab schon einige sehr unterschiedliche Alben in deiner Karriere. Was ist deine Intention, wenn du ein Album schreibst. Wie entscheidest du, in welche Richtung ein Song, ein Album geht?

Steve: Ich habe einen Akkord, eine Akkordfolge, ich dudel vor mich, und irgendwann bildet sich ein Bild daraus.

inMusic: Alles auf der Gitarre?

Steve: Nicht unbedingt. Aber was ich sagen wollte, ist, man vergisst eine Idee nie. Wenn sie in einer Weise nicht funktioniert, versuche ich’s auf eine andere Weise. Der erste Titel der CD z.B.: Ich hatte ein kleines Riff, und ich fragte mich, wie kriege ich es hin, dass es zeitgemäß klingt, und nicht wie von 1964. Klimpere ich es? Zupfe ich es? Aber es war alles nicht das Richtige. Und dann ging ich runter und stolperte über eine dieser Spiel-Keyboards, ein billiges Ding mit einem üblen Klang, aber mit ein paar netten Spielereien. Man kann Musik rückwärts laufen lassen und verschieden schnell usw. Ich nahm einen Rumba-Rhythmus aus der Maschine. Das klang so ein bisschen Lounge-mäßig. Nee, dachte ich, das kann man nicht gebrauchen, aber als ich es rückwärts laufen ließ, klang es plötzlich richtig faszinierend, atmosphärisch. Und in der Art habe ich noch ein bisschen damit herum gespielt, und es wurde dieser Song am Ende. Und was meine textliche Inspiration angeht – das ist eine andere Geschichte. Ich entschied mich, als übergreifendes Thema für dieses Album Namen von Plätzen und Straßen zu wählen, die auf irgendeine Art eine Bedeutung für mich hatten. Strutton Ground, z.B. das war eine Straße in Victoria, London, in der die Jobvermittlung saß, die mir meinen ersten Job nach der Schule vermittelte. Es ist die Romantik von Plätzen, die sich durch das Album zieht. Und all diese Dinge setzen sich zusammen wie ein Puzzle zu einem Song, zu einem Album. Und ich sag dir was, und das ist bei jedem Künstler so, man kann nie vorhersagen, ob irgend jemand etwas mit dem Endergebnis anfangen kann. Jeder Song ist ein Schuss ins Dunkle. Ich glaube Leuten nicht, wenn sie sagen, ‘Ich wusste, das wird ein Hit’.

inMusic: Nun, ich glaube, Dieter Bohlen...

Steve: Gut, man kann in der Position sein, in der man eine Reihe von Songs schreibt, die Erfolg haben, und dann kann man auch über einen Folgesong sagen, ok, dieser Song passt ins Schema, aber man weiß nie, wann das Spiel vorbei ist, weil man im Musikbusiness eigentlich nichts richtig machen kann. Man ändert seine Ziele. Wenn man sich darauf einlässt, nicht immer nach einer bestimmten Formel zu arbeiten, muss man auch damit leben können, dass nicht alles ein Erfolg wird. Ich habe gelernt, mich damit abzufinden. Es gibt Sachen, die waren kommerzielle Hits, und Sachen, die meine eigenen Hits sind.

Ralf Koch
CD: To Watch The Storms (InsideOut/SPV)

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