AUTOFORM: Dualsystem

Mit “Dualsystem” erscheint eine hochinteressante Scheibe aus dem Elektronikbereich , die vor Ideen und unorthodoxen Klangmustern nur so übersprudelt. KARL KIMMERL lotet mit seinem Projekt AUTOFORM die Grenzen digitaler und analoger Klanggestaltungs möglichkeiten aus, versucht aber auch Fehler und Störgeräusche in seine Soundskulpturen einzubinden.

 

inMusic: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist  AUTOFORM ein Soloprojekt von dir?

KARL: Ja, ich mache schon seit 10 Jahren elektronische Musik. Und vor ca. 2 Jahren ist dann AUTOFORM als Nebenher-Projekt von mir entstanden. Ich wollte durch dieses Projekt einfach mein Interessenspektrum erweitern, da ich früher mit B-TON-K hauptsächlich in der EBM-Ecke (Electronic Body Music) tätig war.

inMusic: Mir gefällt an “Dualsystem” vor allem die Unberechenbarkeit der Tracks. Da treffen elektronische Soundschemen auf alle möglichen Breaks & Clicks, Analog-Sequenzen und interessante Rhythmuskonfigurationen. Wie sind diese ganzen Parts eigentlich entstanden?

KARL: Eigentlich waren die ganzen Stücke eine Art Selbsttherapie, die gar nicht auf CD erscheinen sollten. Ich arbeite sehr viel zuhause, theoretisch und am Computer bzw. in meinem Homestudio. Und da bin ich dann bei Problemen oder Sonstigem immer wieder dem ganzen Stress entflohen, indem ich meine “Soundmaschine” angeschmissen und irgendwelche Stücke entworfen habe...

inMusic: Daher rührt wohl auch das spontane Element, das sich wie ein roter Faden durch die Scheibe zieht...

KARL: Ja, die ganzen Tracks sind aus dem jeweiligen Moment heraus entstanden und natürlich von sehr persönlicher Natur. Durch meine überwiegend digitale Arbeitsweise sind sie in recht kurzer Zeit entstanden und haben meinen jeweiligen Gemütszustand bei der Entstehung sehr gut wieder gegeben.

inMusic: Die unterschiedlichen “therapeutischen” Anlässe erklären wohl auch die Nomenklatur der einzelnen Tracks?

KARL: Genau! Das Stück “Überspannung” entstand beispielsweise nach einem heftigem Problem mit den Stromkreisen, bei dem mir alle Maschinen abschmierten. Nachdem ich die Ursache endlich gefunden hatte, hab’ ich mich dann innerhalb 5 Minuten - praktisch in Echtzeit - an das Grundgerüst dieses Stückes herangemacht. “Hume” entstand nach einer sehr schönen geistigen Auseinandersetzung mit dem Philosophen David Hume. Es gibt also durchaus Bezüge zu der Wahl der einzelnen Tracktitel. Sie wurden nicht willkürlich gewählt.

inMusic: Dann warst du bei “Ferienbomber” (Track 17) wohl gerade in Urlaub?

KARL (lacht): Ja, richtig. Das war so ein Moment am Flughafen, wo du ewig wartest und dir bewusst wirst, in welcher Ferien-Panikstimmung die einzelnen Leute sind, die da durch den Airport huschen. Vor der verdienten Entspannung bricht praktisch nochmal in einem starken Schub das totale Chaos aus...

inMusic: Von was lässt du dich bei einem Song denn am liebsten leiten: von einem Loop, einem Sample oder einem Beat?

KARL: Das ist ganz unterschiedlich. Es entscheidet sehr oft der Zufall, mit welchem Gerät ich anfange. Sei es Hardware oder virtuelle Synthesizer am Rechner. Das entscheide ich ganz aus dem Bauch, ohne groß zu überlegen. Beispielsweise wird der Akai-Sampler S 3000 angeschaltet und dann darauf Sinuskurven so lange verändert, bis etwas Vernünftiges hängen bleibt. In weiteren Schritten werden dann von mir diverse Sounds hinzugefügt bzw. die Hüllkurven  verändert. Dabei macht es mir besonders großen Spaß, den Rechner zu überfordern.  Das heißt, mit Programmen zu arbeiten, die Fehler erzeugen, mit denen ich dann absichtlich weiterarbeite.

inMusic: Interessant! Welche Beschaffenheit haben denn diese auftretenden Fehler?

KARL: Das können ungewohnte Töne, digitale Knackser, Stimmverzerrungen, seltene Fiep-Töne oder was auch immer sein. Die Bearbeitung dieser Fehler ist vor allem wegen des unkonventionellen rhythmischen Bereichs sehr interessant...

Rainer Guérich
CD: Dualsystem (Fliesskoma/Soulfood)

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