ROTES HAUS
Neue Musik braucht das Land

ROTES HAUS sind zweifellos eine der interessantesten Bands, die sich derzeit in der deutschen Musikszene finden lassen. Ihre Sprache und ihre Musik sind international; ihre Message hat aktuelles Zeitgeschehen zum Inhalt und sensibilisiert den Nerv des Hörers. inMusic unterhielt sich mit „Hausmeister“ GÖTZ STEEGER...

 

inMusic: Auf eurer neuen Platte fĂŒhrt ihr das Konzept des Erstlings „Allemal“ (farblich ganz in rot gehalten, 2001) konsequent weiter. Besetzungstechnisch habt ihr euch mittlerweile vom Duo zum Quartett erweitert...

Götz: Ja, das mussten wir nach der roten Platte auch, um live spielen zu können. Es gab sogar schon kleine Besetzungswechsel. So haben wir den Bassisten schon einmal ausgetauscht, und ein Perkussionist spielte auch nur vorĂŒbergehend in unserer Gruppe. Unser Band-Line-Up sieht derzeit so aus: Siri (Gesang, Keyboards, Diaprojektor zur bildlichen Untermalung der Songs), JĂŒrgen (Gitarre), Carlos (Bass) und meine Person (Gesang, Gitarre und Schlagzeug).

inMusic: Auf „Allemal“ war Siri ja noch ausschließlich fĂŒr die Grafik (Coverartwork u.a.) zustĂ€ndig!

Götz: Genau, Siri hat bei unseren ersten Gigs praktisch nur die optische Gestaltung gemacht und mit auf der BĂŒhne gestanden. Und irgendwann hat sie dann zurecht darĂŒber geklagt, dass fĂŒr sie einfach zu wenig zu tun ist. (lacht) Und dann hat sich das peu Ă  peu ergeben. Zuerst hat sie damit angefangen, einige StĂŒcke zu singen, bis sie sich schließlich auch an das Keyboard herangetraut hat.

inMusic: Siri singt ja auf der CD - wenn ich richtig aufgepasst habe - in Englisch und Französisch!?

Götz: Richtig. Bei dem französischen StĂŒck „Il“ handelt es sich um eine Coverversion einer Gruppe namens Negress Verte, die englischen Texte stammen ausnahmslos von Siri.

inMusic: In Abwechslung/ErgĂ€nzung mit deinem deutschsprachigen Gesang ist die Stimme Siris ein schöner, zusĂ€tzlicher Farbtupfer, der den Hördurchlauf noch interessanter gestaltet!

Götz: Wir sind da in der Entstehungsphase eigentlich sehr unbefangen rangegangen. Jeder von uns beiden hat StĂŒcke geschrieben, und dann haben wir geschaut, welche Nummern das Rennen machen. Und zum Schluss schien uns diese Mehrsprachigkeit  der Songs ganz schlĂŒssig. Oft ist es ja so, dass die deutsche Sprache die Leute sehr  anstrengt, vor allem wenn man auch inhaltlich etwas liefert. Wir merken auf unseren Konzerten, dass die Hörer dann gerne  auch intensiv zuhören, aber auch froh sind, wenn die Songs durch eine andere Sprache aufgelockert werden. Beim Englischen hat man vielleicht zwei, drei Reizzeilen, auf die man reagiert. Man muss aber nicht jedes Wort verstehen. Wer sich intensiver mit den Texten beschĂ€ftigen möchte, kann sie ja auch im CD-Booklet nachlesen...

inMusic: Der Opener auf der CD klingt ziemlich punkrockig, ist aber keineswegs richtungsweisend fĂŒr euer Album, das sich einem enorm breiten Stilvokabular (Samples, Swing, House, Pop, Reggae, Dub etc.) bedient...

Götz: Ja, da lassen wir uns ganz bewusst nicht festlegen. Punkrock schien uns fĂŒr „An einem neuen Morgen danach“ ein ganz passendes Stilmittel, da es in dem Song um den Bauwagen Bambule geht, der hier in Hamburg in unmittelbarer NĂ€he unseres Viertels platt gewalzt wurde. Wir waren damals in unseren WohnrĂ€umen gerade mit den Aufnahmen unseres Albums beschĂ€ftigt, als die lautstarken Demo-Chöre ĂŒber das Mikro zu uns drangen. So wurden sie kurzerhand mit aufgenommen, und das punkige Element passte dazu ganz gut...

inMusic: War denn der oftmals sehr komplexe und vielschichtige Sound-Aufbau der StĂŒcke sehr zeitintensiv?

Götz: Ja, bei uns wĂ€chst und entsteht ein Song ganz allmĂ€hlich. Oftmals probieren wir ein StĂŒck auch schon mal in halbfertiger Form live aus. Und dann verĂ€ndert es sich nach und nach, bis es seine endgĂŒltige Form erhalten hat. Wir hocken auch ziemlich oft vor dem Rechner, so dass wir dadurch schon die Möglichkeit haben, einiges auszuprobieren. (lacht) Obwohl ich von der Arbeit mit dem Computer mittlerweile doch sehr die Schnauze voll habe. Du wirst durch dieses Teil auf eine nicht gerade sehr angenehme Weise gebunden und zum Benutzer degradiert. Du sitzt dann leider oftmals viel zu lange vor dem Ding, nur um ein paar Akkorde auszuprobieren. Possibility is the killer! Oftmals ist der erste Weg, den man im Kopf hat, doch der beste!

inMusic: Wann wisst ihr eigentlich, dass ein Song  seine Endform erreicht hat?

Götz: Es ist sehr schwierig, das zu pauschalisieren. Oftmals ist es ein Beat oder eine Basslinie, die nicht funktioniert. Dann dauert es ziemlich lange, bis man sich von einer Idee verabschiedet und einen neuen Weg gefunden hat. Ich nehme leider viel zu oft die Brechstange und probiere so lange herum, bis ein Groove, oder was auch immer, passt.

inMusic: Interessant sind auf der CD insbesondere auch eure Sprachcollagen (Samples), die das jĂŒngste Zeitgeschehen sehr  prĂ€gnant einfangen. Insbesondere „Screamless Fires“, bei dem es um den Irak-Krieg geht...

Götz: Ja, da haben wir die ganze Zeit vor dem Fernseher gehangen und alles, was uns passend und drastisch erschien, aufgezeichnet und dann in dieses Arrangement einfließen lassen.

inMusic: Könnte man eure CD „73,29 Minutes To Save The World“ vielleicht dahingehend beschreiben, dass sie genau jene GefĂŒhle und Reflektionen verarbeitet, die euch Vier in den vergangenen 2 Jahren beschĂ€ftigt haben?

Götz: Ja, das trifft es ziemlich gut! Oftmals gibt es aber auch Ereignisse, die vielleicht schon etwas zurĂŒckliegen und in den Medien zu wenig Beachtung gefunden haben. Die haben wir dann auch nochmal in unseren musikalischen Fokus genommen, beispielsweise in dem StĂŒck „Limo“, das von den VorfĂ€llen in Genua handelt...

Rainer Guérich
CD: 73,29 Minutes To Save The World (PlÀne/ARIS)

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