STEPHAN SULKE
Die Zeit der gescheiten Songs ist nicht vorbei!

STEPHAN SULKE, der ebenso witzige wie berührende Grand Seigneur der deutschen Liedermacher-Szene, feiert seinen 60-ten Geburtstag mit einer CD, wie sie nicht frischer und frecher sein könnte. Kreativität muss raus! So ist „60“ eine vor Ideen berstende CD geworden, die mit einer Menge Überraschungen gespickt ist ...

 

inMusic: Du bist gerade in Deutschland unterwegs auf Tour?

Stephan Sulke: Ja, aber grob! Von Ende Februar bis Mitte April werde ich durch Deutschland touren. Man muss ja unter die Leute gehen...

inMusic: Das heißt aber auch, dass du die Songs deines neuen Albums schon vor dem Veröffentlichungstermin der CD live gespielt hast?

Stephan Sulke: Ja, das hab’ ich auch erst heute begriffen. Die Leute waren natürlich überrascht, Stücke zu hören, die sie noch nicht kannten. Gerade weil ich bei vielen Songs musikalisches Neuland betreten habe. Aber sie haben alle Songs äußerst positiv aufgenommen, was natürlich ein prima Test war. Wenn ein Song live funktioniert, ohne dass ihn das Publikum vorher gehört hat, muss er einfach gut sein...

inMusic: Aber trotzdem sind Live- und Studioversion doch zwei paar Schuhe!

Stephan Sulke: Klar, eine Liveversion hat nie die musikalische Raffinesse einer Platte, aber du kannst doch sehr gut feststellen, was beim Publikum gut rĂĽber kommt.

inMusic: Gibt es denn Songs von deiner neuen CD, die besonders gut angekommen sind?

Stephan Sulke: Ein Stück, das die Leute zum Brüllen gebracht hat, ist „Komisch“. Genau wie „Sauerstoffbenutzungsschein“ und „Die Buddeldiddeldaddeldings“. Bei letzterem Stück hat mich die positive Resonanz übrigens sehr überrascht. Toll sind auch gelaufen „Worte“, „Ich lieb dich wie blöde“ und „Klapp klappedi klapp“. Also es tut mir leid, alle 6 Songs, die ich aus der neuen CD live gespielt habe, sind bestens angekommen. (lacht) Ich scheine mit den Stücken meiner neuen CD also nicht ganz verkehrt zu liegen...

inMusic: Eine bessere Anerkennung als durch das Publikum gibt es ja auch nicht!

Stephan Sulke: Klar, du kannst ja auch nicht zusehen, wie dieses Land in der Idiotie ersäuft. Es muss zwischendurch auch mal einer aufstehen und sagen: „Okay, man kann auch mal ein bisschen was Gescheiteres machen,  und es ist trotzdem unterhaltsam.“ Sonst kannst du dich ja auch gleich erschieĂźen!

inMusic: Was ich an deiner Person bewundernswert finde ist, dass du auch nach 3 Jahrzehnten immer noch nach vorne schaust, neue musikalische Wege gehst. Woher nimmst du diese Energie?

Stephan Sulke (lacht): Das ist die Energie der Verzweiflung. Das ist der Segen und der Fluch von Kreativität. Kreativität ist eine göttliche Gabe, hat aber den Nachtteil, dass du permanent rumläufst, als wenn du ein Feuer im Bauch hättest. Und das muss dann einfach irgendwann mal raus. Ich bin eigentlich sehr happy mit meiner neuen CD, weil es ein rundum schönes Album geworden ist. Ich empfinde die Songs frisch, jugendlich, frech, zärtlich, wehmütig ohne Wehleidigkeit... und die Leute empfinden das scheinbar genauso.

inMusic: Du lebst mittlerweile in Frankreich?

Stephan Sulke: Was heißt leben? Ich hab’ dort einen Fuß und ein Studio. Auf die älteren Tage brauch’ ich einfach mehr Sonne. (lacht) Schließlich hab’ ich lange genug im Nebel gesessen.

inMusic: Du hast sicherlich im Vorfeld der Platte so manche Stunde in diesem Studio verbracht?

Stephan Sulke: Nun, ich komm’ aus der Toningenieur-Ecke und hab’ im Gegensatz zu anderen KĂĽnstlern ĂĽberhaupt keine BerĂĽhrungsängste mit Technik und dementsprechenden Neuerungen. Man muss die Technik einfach im Griff haben, d.h. die Technik darf nie zum Chef werden. Und genau nach dieser Devise hab’ ich bei den neuen StĂĽcken der CD gehandelt. Ich hab’ vieles ausprobiert, beispielsweise bei der Instrumentalnummer „Maurice“ oder dem französisch-sprachigen „Toutes les femmes“. An letzterer Nummer haben sich einige Leute gestört und gemeint: „Wie, warum singst du nun Französisch?“ Entschuldige mal, wir leben in der EU. Ich kann Französisch genausogut wie Deutsch. Warum soll ich nicht mal in Französisch singen? Und dann hab’ ich auch prompt eine Kritik gelesen, wie sie sie nur in Deutschland geben kann. Ich war wirklich baff. Da schreibt doch jemand eine eher mittelmäßige Kritik ĂĽber die Platte und meint dann beim französischen Song  euphorisch: „Warum macht er nicht mehr davon?“ (lacht) Es ist doch echt bescheuert, wo bin ich bloĂź? Diese Einstellung hierzulande, dass man was ganz toll findet, sowie es nicht nur einen Tick aus Deutschland kommt, ist echt seltsam. Dann kannst du jeden Quatsch machen, Hauptsache, es ist nicht in Deutsch... Wobei diese Haltung nicht auf die Leute hierzulande, sondern nur auf die Medien zutrifft. Manchmal hab’ ich das GefĂĽhl, dass in dieser Branche die Zeit des gescheiten Songs vorbei ist. Wenn ich mir so anschaue, was da im TV und Radio so alles läuft, kann ich nur sagen: „Post mortem!“ Ich hab’ nichts gegen Quatsch und leichte Berieselung, aber diese Exklusivität stört mich.

inMusic: Deswegen sind KĂĽnstler von deinem Schlage, die sich einen Dreck um irgendwelche Trends scheren, heute wertvoller denn je!

Stephan Sulke: Ich mach mal ein Gleichnis: Es gibt Tausende von Börsenmaklern, die sich nur noch mit Kokain und Valium ĂĽber Bord halten können. Und ich hab’ noch nie einen Maurer, Schreiner oder Klempner gesehen, der so etwas brauchen wĂĽrde. Ich will damit sagen: Wenn du etwas machst, das dir liegt und das Geld verdienen nicht die primäre Rolle spielt, dann bist du mit dir selbst im Reinen. Zuviele Kompromisse machen unglĂĽcklich, und ich hab’ wirklich keine Lust, mir so etwas anzutun. Und deswegen schere ich mich wirklich einen Dreck um aktuelle Mode. Ich mische alles, was ich lustig finde, zusammen und mach dann daraus ein Potpourri. Wichtig dabei  ist einzig und alleine, ob es mir letztendlich   gefällt oder nicht. Und dann hoffe ich, dass das Publikum die Lust verspĂĽrt, mir zuzuhören...

Rainer Guérich
CD: 60 (Monopol Records/da music)

(c) inMusic 2000-2004 alle Rechte vorbehalten