CLEM SNIDE
The Darker Side Of Love

Clem Snide nennt sich ein leider noch unbekanntes Quartett aus New York, das dieser Tage mit “The Ghost Of Fashion” ein wunderschönes Herbstalbum vorlegt: eine originelle Mischung aus melancholischen Country- und Folkklängen à la Lambchop, Tindersticks und R.E.M., skurrilen Lyrics und dezent rauer Rock‘n‘Roll-Attitüde. Dazu ein Gespräch mit Sänger Eef Barzelay...

 

INMUSIC: Kannst du unseren Lesern ein paar Informationen zur Bandgeschichte geben?

Eef: Clem Snide wurde bereits 1991 in Boston gegründet – als reines Spaßprojekt, das wir nicht sonderlich ernst nahmen. Wir trafen uns regelmäßig in irgendwelchen Kellern und spielten einfach drauflos. Was bei diesen Sessions herauskam, war gewöhnlich ziemlich laut und krachig. Im Grunde war das so eine Art Gruppentherapie für uns: Wir waren jung, wütend und deprimiert, und Musik war einfach eine gute Möglichkeit, all diese Gefühle herauszulassen. 1995 sind Jason [Glasser; Cello, Violine & Keyboards] und ich nach New York gezogen. Irgendwann kam dort der Zeitpunkt für mich zu entscheiden, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich beschloss, mich ausschließlich auf meine Musik zu konzentrieren und begann verstärkt, Songs zu schreiben. Gleichzeitig fing ich an, mich näher mit der Musik von Hank Williams und anderen älteren Folksängern zu beschäftigen, so dass meine eigenen Songs sich insgesamt stärker in die Country-Richtung bewegten. Zur selben Zeit begann Jason ebenfalls damit, unterschiedliche Musikrichtungen zu erforschen, mit Sounds zu experimentieren und das Cello-Spiel für sich selbst wiederzuentdecken. Wir nahmen gemeinsam Tapes auf, lernten Jeff (Marshall; Bass) kennen, spielten erste Konzerte und konnten schließlich 1998 unser erstes Album, “You Were A Diamond”, veröffentlichen. Es folgte ein Majordeal mit Sire Records, ein weiteres Album (“Your Favourite Music”, 2000), die Auflösung des Vertrags, ein neuer Deal mit Cooking Vinyl in Europa und schließlich unser neues Album, “The Ghost Of Fashion” ...

INMUSIC: Inwieweit unterscheidet sich “The Ghost Of Fashion” musikalisch von den beiden Vorgängeralben?

Eef: Ein wesentlicher Unterschied besteht sicherlich darin, dass wir auf den ersten beiden Alben im Grunde keinen Drummer hatten, die Songs daher noch sehr akustisch klangen und insgesamt auch langsamer waren. Für “The Ghost Of Fashion” kehrte Eric (Paull), unser Originaldrummer aus Bostoner Tagen, zurück in die Band. Das hat es uns ermöglicht, ein bisschen energetischer, rauer, Rock‘n‘Roll orientierter zu werden – so wie in den Anfangstagen von Clem Snide. Als wir “Your Favourite Music” aufnahmen, hatten wir zudem viel mehr Geld und Studiozeit zur Verfügung, während wir diesmal gezwungen waren, viel schneller zu arbeiten.

INMUSIC: Wie lange habt ihr an “The Ghost Of Fashion” gearbeitet?

Eef: Lediglich zwei Wochen. “Your Favourite Music” hat dagegen ganze zwei Monate in Anspruch genommen. Unser Producer brachte zahlreiche Studiomusiker zu den Aufnahmen, so dass es letztendlich genauso sein Album wurde wie unseres. “The Ghost Of Fashion” dagegen ist 100%ig unser Album. Es gab keinen externen Produzenten, sondern nur Jason und mich. Wir konnten machen, was wir wollten. Wir hatten daher viel mehr Spaß bei den Aufnahmen...

INMUSIC: Kommen wir zu deinen Texten. Im Presseinfo steht, dass du ursprünglich vor allem über die Facetten des “Nichts”, der Leere, der Langeweile geschrieben hättest, während du dich nun primär mit der Liebesproblematik auseinandersetzen würdest ...

Eef: In gewisser Weise trifft das zu. Bei den ersten beiden Platten war dieses “feeling of nothingness” tatsächlich meine “Muse”. Ich fühlte mich damals halt sehr existentialistisch ... Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass es einfach der Job eines Songwriters ist, über Liebe zu schreiben. Das ist es nun mal, was von uns erwartet wird, egal ob es sich um einen Song von Jennifer Lopez oder einen von Leonard Cohen handelt. Liebe selbst ist ja ein sehr mächtiges Wort, das schon oft missbraucht wurde. Es kann albern klingen, es kann aber auch wunderschön klingen ...

INMUSIC: Textlich gesehen scheinst du dich dabei vor allem auf die dunklen Seiten der Liebe zu konzentrieren ...

Eef: Als wir uns entschlossen, das neue Album aufzunehmen, hatte ich bereits eine Menge Songs zu diesem Themenbereich zusammen. Diese habe ich dann in zwei Hälften unterteilt: in Songs, die sich mit dunkleren Seiten der Liebe beschäftigen, wie etwa Lust, Stolz, Eifersucht etc., und in Songs, die sich mit der helleren Seite auseinandersetzen – also süße, selbstlose, straighte, unironische Lovesongs. Ich habe mich dann entschieden, nur die dunklen, bösen Liebeslieder für “The Ghost Of Fashion” zu verwenden. Ich denke, das nächste Album wird sich stärker auf die positive Seite der Liebe konzentrieren. Im Grunde hätte man mit den Songs ein gutes Doppelalbum aufnehmen können, doch leider hatten wir diese Option nicht ....

Malte Miehlisch
CD: The Ghost Of Fashion (Cooking Vinyl/Indigo)

 

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