CHRIS WHITLEY
Es ist schwer, aus einer Schublade rauszukommen

Ein Mann zieht seine Kreise durch New York, die Haltung gebückt, das Gewissen aufrecht. Sein strähniges blondes Haar weht im Wind, die Blicke saugen hastig auf, was sie erhaschen können. Er scheint ständig auf der Lauer, nur ist nicht ganz klar, ob aus Angst oder Angriffslust.

Chris Whitley ist leidenschaftlicher Anachronist, und das nicht etwa, weil er den Anschluss an den Zeitgeist verpasst hätte, sondern weil er sich verweigert. Er ist einer der letzten Singer/Songwriter, die diesen Namen wirklich verdienen. Von Bob Dylan spricht er mit Ehrfurcht, Madonna zollt er zumindest für die Ehrlichkeit und Konsequenz Respekt, mit der sie dem Fetisch Kommerz dient. Über sich selbst erzählt er lieber in Liedern als auf Fragen ausländischer Journalisten zu antworten. Seine Songs sind ihm Tempel. Da spielt es nicht mal eine Rolle, ob sie aus seiner eigenen Feder stammen oder – wie auf seinem letzten Album “Perfect Day” – von anderen Songschreibern übernommen wurden. “Vielen Songwritern ist es egal, was über ihre Lieder gedacht wird”, klärt Whitley mehr sich selbst gegenüber, als mir Klarheit zu verschaffen. “Ich bin nicht sehr fruchtbar und höre vor allem kaum Musik. Es sei denn, ich kann nicht anders. Ich kann keinen Song beenden, bevor ich nicht die absolute Notwendigkeit dazu verspüre. Es gibt genug Lieder auf der Welt. Die Leute brauchen keine neuen Songs darüber, dass man im Auto sitzt und irgendwelchen Blödsinn tut. Warum den Hörern etwas zumuten, das ich selbst nicht für wichtig halte? Ich muss mir immer die Frage beantworten können, warum ich etwas tue. Jeder kann heute Gitarre lernen, Songs schreiben und eine Platte rausbringen. All das interessiert mich nicht mehr. Ich suche nach Werten, die ich im Gospel, Blues, Raga oder in der rituellen Musik Nordafrikas finde. Ich brauche keine Religionen, und doch suche ich in der Musik nach einer religiösen Qualität.”

Chris Whitley gilt als Folksinger. Zu Unrecht. Folk ist nur eins von vielen Vehikeln, auf denen er seine Persönlichkeit in Songs transformiert. Er kann rocken wie Jimi Hendrix, wie auf Perfect Day den sensiblen Jazz-Musiker herauskehren oder wie auf seinem neuen Album “Rocket House” Pfade beschreiben, die man, wenn überhaupt nötig, als Ambient bezeichnen könnte. Diszipliniert widersteht er den Gesetzen des Musikmarktes und nicht zuletzt auch den Erwartungen, die in ihn selbst gesetzt werden. “Es ist so schwer, aus seiner Schublade rauszukommen. Eric Satie hat viel mehr Blues als Eric Clapton. Aber die Medien nennen Claptons Art Gitarre zu spielen Blues. Das will mir nicht in den Kopf. Meine Musik mag manchmal darunter leiden, dass ich sie zu ernst nehme. Ich schreibe jetzt seit 27 Jahren Songs, aber es geht mir um nichts weniger als für eine bestimmte Zeit ein bisschen Fun zu haben. Ich will Menschen berühren. Manchmal ist es ein Akkord oder einfach nur ein Sound, in dem eine unglaubliche Bedeutung liegt. Man muss das Verhältnis zu seinem Instrument immer wieder überarbeiten. Was gestern noch Gültigkeit hatte, ist heute schon nicht mehr relevant.”

Er macht es seinen Fans nicht leicht, ihm die Treue zu halten, setzt mehr voraus als Geschmack an einer bestimmten Soundkennung. Whitley reißt seine Hörer mit in die Untiefen seiner eigenen Spiritualität und oft gebrochenen Wahrnehmung der Welt. Als Robin Hood des modernen Songwritings ist er zugleich ein unversöhnlicher Kulturkritiker. “Die gesamte Kultur basiert auf Fake. Ich hasse das. Der rebellische Geist des Rock hat mich schon vor Jahren enttäuscht, weil er zu reiner Eitelkeit verkam. Nach Nirvana wurde Rebellion zum Konsumgut. Wie ein Rebell auszusehen hat, wird uns heute vom Rolling Stone und MTV vorgeschrieben. Ich liebe Iggy Pop. Er hatte den Punk schon in den Sechzigern drauf. Warum aber sollte ich heute noch ein Punk-Rock-Album machen. Irgendwann sagte ich mir, der einzige Punk besteht darin, ein ganz leises Album zu machen. Seitdem will ich so leise wie möglich sein.”

Sein neues Album ist nun nicht gerade ein Paradebeispiel für klingende Stille, und doch schweben die Sounds der Platte dahin, als würde Whitley zumindest nach dem Ozean der Stille suchen. Die instrumentalen Tracks hüllen sich um die Stimme wie ein wetterfester Mantel, der die offen liegende Seele des Sängers vor den Stürmen der Zivilisation schützt. Der Sound des dicht produzierten “Rocket House” ist beinahe die Inversion dessen von “Perfect Day”, auf dem Whitleys Stimme ganz allein im Hexenkessel von New York stand wie Christus, als er dem geschäftigen Volk von Jerusalem seine Schwären zeigte. Diese Neuorientierung hat sicher nicht zuletzt mit dem Wechsel des Produzenten zu tun. Obgleich Whitley und sein Stammproduzent Craig Street bislang zu Recht als unschlagbare Einheit galten, entschied sich der Sänger diesmal für Tony Mangurian. Never change a winning team? “Tony ist ein alter Freund von mir. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Er trommelte für Bob Dylan und Willie Nelson, ist aber auch HipHop-Spezialist und hat sämtliche Alben von Lucious Jackson produziert. Ich wollte einfach einen etwas anderen Sound. Das Album ist ein bisschen elektronischer, aber es hätte mir nicht genügt, eine Post-Beck-Platte in dem Sinn zu machen, dass ich ein Drum-Loop und ein schlechtes Blues-Riff zusammenbacke und dann sage, bumm, das ist der neue Sound. Es soll immer noch diesen rituellen, primitiven und minimalistischen Charakter beibehalten und die modalen Strukturen von Coltrane und Mingus mit der Komplexität von Tricky und Roni Size kombinieren. Das Album hat nicht viele große Melodien, funktioniert aber über Grooves und Stimmungen. Diese Songs haben mehr mit afrikanischer Musik als mit europäischer Klassik zu tun. Tony half mir auch, ein paar Songs zu schreiben. Er hat mich der Antwort ein Stück näher gebracht.”

Egal wie die Kritik zu Whitleys neuer Platte steht, er fühlt sich noch lange nicht am Ziel. Auch “Rocket House” ist noch nicht das ultimative Werk, das Whitley sich selbst abverlangt. Sein Drama besteht darin, dass er um die Unwahrscheinlichkeit, es je zu erreichen, weiß. Doch diese kreative Unzufriedenheit mit sich selbst versetzt ihn zumindest in die Lage, von sich selbst stets das Höchste zu fordern. Wir dürfen auf die nächste Station auf diesem Weg gespannt sein.

Wolf Kampmann
CD: Rocket House (Ulftone/edel contraire)

 

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