JACKIE LEVEN
Poetry in Motion

Mit “Creatures Of Light And Darkness” legt der schottische Singer/Songwriter Jackie Leven dieser Tage erneut ein herausragendes Album vor – eine facettenreiche Sammlung melancholisch-lyrischer Songjuwelen, deren warme Melodien direkt ins Herz gehen und deren ausgefeilte Komplexität langanhaltenden Hörgenuss garantiert.

INMUSIC: Ich habe gehört, dass es für dich immer ein sehr langwieriger Prozess sei, ein Album fertig zu stellen ...

Jackie Leven: In gewisser Weise trifft das zu, auch wenn die Aufnahmen selbst oft nur einen Monat dauern. Allerdings benötige ich vorher immer eine lange Vorbereitungszeit. Zuerst nehme ich die Songs in einer Rohversion auf und schicke die Tapes meinen Musikern. Dann nehme ich sie noch einmal zusammen mit meiner Rhythmussektion auf - und schicke die Aufnahmen an die anderen. Danach mache ich das Gleiche mit meinem Keyboarder. Wenn wir gemeinsam ins Studio gehen, haben wir also bereits drei verschiedene Versionen eines jeden Songs aufgenommen, auf deren Grundlage wir arbeiten können. Das geht in der Regel relativ schnell.

INMUSIC: Wie alt sind die Songs, die du für “Creatures Of Light And Darkness” ausgewählt hast?

Jackie Leven: Ich versuche immer, mich der Herausforderung zu stellen, Songs zu finden, die zusammen wie eine Familie wirken. Das bedeutet, dass ich mich vor jedem Album durch Stücke arbeite, die ich bereits vor vielen Jahren geschrieben habe, um so die herauszufinden, die im Kontext eines Albums gut zueinander passen könnten. Auf “Creatures ...” ist z.B. ein Song, “Stopped By Woods On A Snowy Evening”, der bereits aus den späten 70ern stammt. Ich denke, es ist für einen selbst sehr wichtig, mit diesen alten Songs in Berührung zu bleiben und nicht der irrigen Annahme zu verfallen, das, was man als jüngerer Mensch geschrieben habe, sei heutzutage nicht mehr zu gebrauchen.

INMUSIC: “Stopped ...” ist die Vertonung eines sehr berühmten Gedichts von Robert Frost, das in den Staaten sogar zum Schulkanon gehört. Was hat dich gerade daran fasziniert?

Jackie Leven:  Da gibt es viele Gründe. Zunächst einmal ist Frost einfach einer meiner Lieblingsdichter. Außerdem glaube ich, dass gerade die letzte Strophe, “The woods are lovely dark and deep / but I have promises to keep / and miles to go before I sleep”, eine Idee, eine Vorstellung ausdrücken, die jeder unbewusst versteht. Darüber hinaus ist es die Reinheit dieses Gedichts, die mich fasziniert. Es ist einfach perfekt, es könnte nicht mehr besser sein.

INMUSIC: Wenn man sich mit deinen Texten näher auseinandersetzt, bekommt man den Eindruck, dass die Lyrik generell einen großen Einfluss auf dich ausübt ....

Jackie Leven: Ja, ich bin verrückt nach Lyrik. Als ich 12, 13 war, gab es in unserer Schule eine alte Bibliothekarin, die einen Narren an mir gefressen hatte, mir zahllose Bücher von amerikanischen und russischen Dichtern gab und damit meine Begeisterung für diese Gattung weckte. Wenn ich ein Gedicht lange genug im Kopf behalte, fange ich unbewusst an, es zu vertonen. Das ist wie eine praktische Übung, denn es ist sehr, sehr schwer einem Gedicht musikalisch gerecht zu werden - eine echte Herausforderung. Es liegt mir auch grundsätzlich am Herzen, andere Menschen, also z.B. die, die meine Platten kaufen, durch meine Songs für Lyrik zu interessieren.

INMUSIC: Ist es vielleicht auch die viele Gedichte prägende Bildhaftigkeit, die eine Faszination auf dich ausübt? Immerhin verwendest du selbst in deinen Texten sehr viele, sprachliche Bilder ...

Jackie Leven:  Es stimmt, ich kann mit Gedichten, die auf eine bildliche Sprache verzichten, nichts anfangen. Ich liebe einfach Bilder, und ich liebe es, sie in meine Songs zu integrieren. Ich glaube auch, dass es gar nicht nötig ist, solche Bilder zu analysieren oder zu interpretieren. Sie erklären sich in der Regel von selbst.

INMUSIC: Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte?

Jackie Leven:  Ich erlebe immer wieder einen Zustand, den ich als “Begeisterungswelle” bezeichne und in dem ich meine Songs schreibe. Das beginnt meist damit, dass mir ein Wort oder eine Wortkombination in den Sinn kommt. Nehmen wir zum Beispiel “The Sexual Loneliness of Christ”. Dieser Titel war plötzlich in meinem Kopf, zusammen mit einer Melodie, und ich weiß nicht, woher er kam. Das hat bei mir so eine Welle ausgelöst. Ich war so aufgeregt, dass ich den Großteil des Textes spontan heruntergeschrieben habe, fast in so einer Art Trancezustand.

INMUSIC: Als meine Freundin, die selbst ein Jahr in Glasgow gelebt hat, zufällig einen deiner Songs hörte, hat sie spontan gesagt, dieser Mann kann nur ein Schotte sein ...

Jackie Leven:  Das ist wirklich ein schönes Kompliment. Ich lebe zwar zur Zeit in England, doch ich liebe Schottland von ganzem Herzen. Mir gefällt, dass es ein so schwermütiges Land ist. Ich mag die einfachen Schotten, das Kneipenleben und die Arbeiter, die meiner Meinung nach eine großartige, eigene Kultur entwickelt haben. Und ich liebe diesen ausgeprägten Hang zum Geschichtenerzählen, der so typisch für unsere Kultur ist. Scotland has always been in my music ...

Malte Miehlisch
CD: Creatures of Light and Darkness (Cooking Vinyl/Indigo)

 

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