Matucana
Mit Jazz-Klischees kommt man bei uns nicht weiter

Die chilenisch-deutsche Formation Matucana betritt auf der CD “Isla Negra” musikalisches Neuland. Die  Folklore aus den Anden verbindet sich mit jazzigen Elementen und improvisativem Feingespür zu einer äußerst lebendigen Melange. inMusic fragte bei Bassist André Nendza und Pianist Pablo Paredes nach.

inMusic: Wie hat denn  das chilenisch-deutsche Doppel zueinander gefunden?

Pablo Paredes: Matucana haben Sergio Terán und ich 1996 gegründet. Zuvor hatten wir in der Band “Maipu” gemeinsam einige Jahre gespielt. Mit “Matucana” wollten wir gewissermaßen Neuland erforschen. Seit 1997 spielen wir in der jetzigen Besetzung. Uli Krämer lernte ich in einer “Gypsie-Band” kennen. Er war sofort begeistert von der Idee, diese Musik zu spielen.

André Nendza: Ich bin seit Ende ‘97 in der Gruppe. Mittlerweile hat sich “Matucana” zu einer richtigen Band entwickelt. Jeder in der Gruppe nimmt bestimmte Aufgaben wahr, wobei die meisten Entscheidungen demokratisch getroffen werden.

inMusic: Eurem Selbstverständnis nach versucht ihr einen absolut offenen Soundclash zwischen der südamerikanischen Musikkultur und der westlichen Klangtradition. Wie kann ich mir diesbezüglich die Entstehung eines Matucana-Songs vorstellen?

Pablo Paredes: Mir liegt es sehr am Herzen, in die Ursprünge der südamerikanischen Folklore vorzudringen. In unserer Kultur, vor allem in ländlichen Regionen, ist der Musiker lebendiger Bestandteil der Gesellschaft. Er spielt zur Hochzeit, zum Tanz und auch zur Beerdigung. Dafür wird er von den anderen “versorgt”. Diese Erfahrungswelt ist auch für mich persönlich sehr wichtig. So nutze ich jede Spielmöglichkeit, um mit Folklore-Musikern zu arbeiten und mich mit ihnen auszutauschen. Bei Matucana werden diese Einflüsse durch viele verschiedene Facetten angereichert. Die Formen der Kompositionen sind oft sehr aufwendig gestaltet und das Klangspektrum kommt so in dieser Form nicht in der traditionellen Folklore vor.

André Nendza: Sowohl unser Schlagzeuger Uli Krämer als auch ich können die Kompositionen ja nur aus unserem eigenen kulturellen Musikverständnis interpretieren. Wenn wir hier auf “Latino” machen würden, wäre das nicht nur peinlich, sondern vor allen Dingen auch unehrlich. Das Besondere an unserer Musik ist ja gerade das Spannungsfeld zwischen Südamerika und Europa. Wenn Terán und Paredes “authentisch” bestimmte Stile spielen wollten, wären auch in Deutschland genug südamerikanische Musiker vorhanden.

inMusic: Wie wichtig ist das improvisative Element in der Gruppe? Welche Freiräume gestattet ihr euch?

André Nendza: Die Improvisation ist ein wichtiger Bestandteil unserer Musik. Dennoch sind diese Improvisationen in ihrer Ausgestaltung meist stärker auf die Kompositionen bezogen als das im Jazz üblich ist. Im Grunde musste ich als Jazzmusiker für diese Musik einen neuen Wortschatz entwickeln, denn mit Jazz-Klischees kommt man hier nicht weiter und wird vor allen Dingen auch dem Klangbild der Stücke nicht gerecht. Die Freiräume vollziehen sich also immer entlang der Struktur der Kompositionen. Die Improvisationen sorgen natürlich speziell bei Auftritten immer für eine gewisse Frische und lassen die Musik sowohl für uns als auch für das Publikum lebendig werden.

Pablo Paredes: Die südamerikanische Kultur basiert auch im “richtigen” Leben auf Improvisation. Anders kann man mit den Umständen wie Militärdiktatur, Naturkatastrophen usw. kaum umgehen. Das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wider. Diese Improvisation ist ein natürlicher Vorgang, der mehr auf ungeschriebenen Gesetzen denn auf festen Regeln basiert. So kann die Tänzerin in einem Ensemble beispielsweise die Form der Stücke durch bestimmte Zeichen verlängern.

inMusic: Besonders markant sind natürlich die selbstgearbeiteten Holzflöten, die Sergio Terán auf den einzelnen Kompositionen spielt. Farbenfroh klingt dies insbesondere auf dem Opener “Roberto”, auf dem Sergio gleich eine Vielzahl unterschiedlichster Blasinstrumente zum Einsatz bringt. Könnt ihr mir etwas über dieses Lied erzählen, und über “San Juanito” und “Sueña Con La Luna”, die allesamt sehr deutlich von der südamerikanischen Tradition geprägt sind?

Pablo Paredes: “Roberto” ist eine Komposition, die ich meinem Bruder gewidmet habe. Sie basiert auf einem festejo aus Peru. Dieses Stück ist mit seinen vielen Zwischenspielen ein gutes Exempel für unsere Art, Folklore zu verarbeiten. “San Juanito” entstand auf einer Kreuzfahrt, bei der Sergio und ich im Kulturprogramm auftraten. Als wir den Äquator passierten, sollten wir ein equadorianisches Stück spielen. So entwickelten wir in der Schiffskabine diese Grundidee. Die Pianofigur hat allerdings auch etwas mit Keith Jarretts “Köln Konzert” zu tun. “Sueña con la luna” ist eine Melodie, die Sergio auf Basis eines Mapuche-Kindergedichtes entwickelt hat. Die Mapuche sind ein Indianerstamm zwischen Chile, Bolivien und Argentinien. Die Art des Gesangs ist sehr stark davon beeinflusst.

inMusic: Habt ihr spezielle Lieblingsstücke auf der Platte?

André Nendza: Mein absolutes Lieblingsstück ist Victor Jaras “Luchin”, übrigens auch die einzige Fremdkomposition auf der CD. Zum einen ist mir hier ein sehr schönes Intro gelungen. Dann erschafft die Gruppe eine melancholische, fast schon kitschige Atmosphäre. Diesen Schwebezustand finde ich extrem spannend. Außerdem spielt Charlie Mariano hier ein wunderbares, kurzes Solo, bei dem der Begriff “Laid-back” endlich mal wirklich zutrifft.

Pablo Paredes: Auch für mich ist “Luchin” besonders gelungen, weil wir diese Fremdkomposition ganz natürlich umsetzen konnten. Matucana hat ja mit drei Komponisten in der Band nie Mangel an neuen Ideen. Doch dieses Stück lag uns besonderes am Herzen. Victor Jara ist in Chile eine besondere Persönlichkeit. Sich an eines seiner Stücke heranzuwagen, verlangt das richtige Feingefühl, zumal Victor Jara ja auch eine “politische” Person ist...

inMusic: Bei vier Stücken (“Isla Negra”, “Ojos Con Vista Al Mar”, “Luchín”,, “Dias De Espera”) habt ihr Altsaxophonist Charlie Mariano zur zusätzlichen Unterstützung ins Studio geholt. Kennt ihr ihn schon länger und wie war die Zusammenarbeit?

André Nendza: Charlie wurde von uns zur Produktion der ersten CD “Ritual” ins Studio eingeladen. Seitdem haben wir einige schöne Auftritte mit seiner Unterstützung gemacht. Die Konzerte mit Mariano sind immer etwas ganz Besonderes, da er mit seinen 77 Jahren immer noch neugierig auf neue Musik geblieben ist. Gleichzeitig ist er ein Weiser, der mit einem einzigen Ton eigene Welten entstehen lassen kann.

Pablo Paredes: Besonders froh und stolz sind wir auf die Zusammenarbeit mit dem peruanischen Perkussionisten Alex Acuna, den man ja unter anderem von Weather Report her kennt. Er war sofort begeistert von der Idee, Folklore aus Südamerika modern umzusetzen. Die Aufnahmen in Los Angeles waren eine spezielle Erfahrung. Besonders wird das in den Stücken “Roberto” und “Relojero” deutlich.

inMusic: Was steht bei euch in nächster Zeit an?

Pablo Paredes: Wir hoffen, unsere Musik immer weiter entwickeln zu können. Ich glaube, dass in der Gruppe noch viel Potential steckt und wir noch einiges entdecken können. Hierfür sind viele Auftritte nötig. Somit liegt unser Hauptaugenmerk  gemeinsam mit unserer Bookerin auf dem Buchen von Konzerten. Außerdem planen wir eine Internet-Seite.

inMusic: Habt ihr sonst noch eine Botschaft an unsere Leser?

André Nendza: Das einzige, was ich noch sagen möchte, und ich glaube ich spreche hier für die ganze Gruppe, ist, dass wir mit Matucana im gewissen Sinne musikalisches Neuland betreten. Die Verbindung von andischer Musiktradition mit  europäischen Konzertelementen und Improvisation ist ein noch unerforschtes Gebiet. Wir stoßen hier auf viele Missverständnisse bei Kritikern, die einerseits den fröhlichen Poncho-Südamerikaner als exotischen Aperitif sehen wollen, andererseits werden wir zu oft mit der Begriffswelt des Jazz beschrieben, was, obwohl ich mich auch als Jazzmusiker sehe, der Musik “Matucanas” nicht gerecht wird. Gottseidank haben wir mittlerweile ein tolles Publikum, das unsere Musik ziemlich unvoreingenommen aufnimmt. 

Rainer Guérich
CD: Isla Negra (Crecycle Music/BEV-Vertrieb)

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